Es schreibt: Manfred Weinberg
(22. 4. 2026)Das Jubiläumsjahr zu Franz Kafkas 100. Geburtstag ist insgesamt weit „glimpflicher“ verlaufen, als zu befürchten stand. Es war zu erwarten, dass einfach die alten und falschen Klischees bei den vielen sich bietenden Gelegenheiten fortgeschrieben würden. Stattdessen war aber eher ein Sich-neu-Einlassen auf die Kafkaschen Texte zu beobachten – und dies erfreulicherweise jenseits der schon zu oft angewendeten Interpretationsparadigmen (biographisch, philosophisch, psychoanalytisch, theologisch usw.).
Man wird zwar noch einige Tagungsbände abwarten müssen, aber die wissenschaftliche Ausbeute war insgesamt eher gering. Es gab Tiefpunkte wie die Abhandlung Kafka misstrauen von Geoffroy de Lagasnerie, eines namhaften französischen Soziologen, der Kafka etwa dafür kritisierte, dass er im Prozess einen zu Unrecht Verfolgten oder Verurteilten „in den Mittelpunkt des kritischen Diskurses über die Justiz oder das Strafverfahren“ gestellt habe, was grundsätzlich verhindere „dass man den Kern des staatlichen Repressionsapparats ins Visier nimmt“ (Geoffroy de Lagasnerie: Kafka misstrauen, Frankfurt a.M.: S. Fischer, 2024, S. 62.) – also zuletzt Kafka vorwarf, sich der Justiz und ihren Prozessen literarisch und nicht soziologisch genähert zu haben. Ansonsten gab es viel Mittelmaß und nur wenige eher erfreuliche Ausnahmen, etwa Andreas Kilchers Studie Kafkas Werkstatt. Der Schriftsteller bei der Arbeit (München: C.H. Beck, 2024).
Vor diesem Hintergrund ist zuzugeben, dass es John T. Hamilton, Professor für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Harvard University, mit seiner Studie France/Kafka. An Author in Theory (New York et al: Bloomsbury Academic, 2023) gelungen ist, einen durchaus neuen Blick auf Kafka und sein Werk zu werfen. Dabei charakterisiert der Haupttitel das Buch besser als der Untertitel, denn es geht um die Rezeption Kafkas in Frankreich, unter die Hamilton auch die literarische Rezeption etwa bei Sartre und Camus fasst.
Hamilton beginnt seine Studie mit der Feststellung: „The fate of Kafka in twentieth-century France constitutes an exemplary case of writer becoming an author in theory.” (S. 3) Die theoretische Aneignung Kafkas in Frankreich erklärt sich Hamilton als „case of gross naturalization, appropriation and universalization, an unchecked scheme on the part of French theorists to take a foreign author hostage and compel him to speak on behalf of their native cause” (S. 6). Das lässt sich als vorweggenommenes Resümee der Ausführungen verstehen: Die französischen Theoretiker haben Kafka als Zeugen für ihre Weltsichten „genutzt“.
Unter dem Titel „Gradus ad Parnassum“ (S. 1ff.) gibt der Autor einen ersten Überblick über die französische Kafka-Rezeption. Interessant daran ist, dass er auch auf Kafkas Nähe zu Franz Brentanos phänomenologischer, an der Wahrnehmungspsychologie orientierter Philosophie eingeht und aufweist, dass diese eben auch in Frankreich auf fruchtbaren Boden gefallen war. Natürlich wird auch Kafkas Reise nach Paris im Oktober 1910 erwähnt.
Im zweiten Kapitel „Metamorphoses“ (S 23ff.) wird der Anfang der Publikationsgeschichte Kafkascher Werke in französischer Übersetzung dargestellt. Diese beginnt mit einem Paukenschlag: Kafkas Erzählung Die Verwandlung erscheint als La Métamorphose, übersetzt von Alexandre Vialatte, 1928 in der mehr als renommierten Zeitschrift Nouvelle Revue française, zwischen Texten von Paul Valéry und Marcel Proust; auch André Gide war neben weiteren prominenten französischen Autoren im Heft vertreten. Ein fulminanter „Ritterschlag“! Hamilton nutzt die Gelegenheit, das Herausgebergremium und sein Umfeld auch theoretisch zu kontextualisieren, um so nachvollziehbar werden zu lassen, warum Kafka – obwohl vorher in Frankreich nicht vollkommen unbekannt – sich schon gleich zu Beginn in einem derart illustren Umfeld wiederfand. Unter dem Titel „Translative Decisions“ (S. 45fff.) wirft der Verfasser auch einen Blick auf die durchaus unterschiedlichen (und sich auch von den englischen Übersetzungsversuchen unterscheidenden) Übertragungen der Texte Kafkas. Hamilton resümiert: „All this to say that by the summer of 1929, Kafka had been fully installed among the highbrow cenacle of the Gallimard house.“ (S. 50)
Im Weiteren findet sich auch eine Auseinandersetzung mit den „Paratexts“ (S. 57ff.), also Vor- und Nachworten zu weiteren Übersetzungen, die die französische Kafka-Rezeption gut profilieren. Zwischendrin wirft der Verfasser einen Blick auf die Vorgaben, die Max Brod mit seinem erfolgreichen Versuch, Kafka als Weltautor zu etablieren, gemacht hatte und unterscheidet die französische Perspektive deutlich davon, was auch daran lag, dass „[t]hroughout the 1930s Kafka was embraced by the Surrealists“ (S, 74) – einer Spur, der Hamilton ausgiebig folgt.
Die Studie geht dann zunächst der literarischen Rezeption Kafkas etwa bei Jean-Paul Sartre (gemeinsam mit Simone de Beauvoir) und Albert Camus nach, wobei bei diesen Autoren Literatur und Philosophie/Theorie ja schlecht zu trennen ist. Die Einzelheiten und die Unterschiede dieser Aneignung können hier aus Platzgründen nicht dargelegt werden, sind aber detailliert und für den Lesenden gewinnbringend herausgearbeitet. Es folgen Anmerkungen zur Auseinandersetzung von Maurice Blanchot mit Kafka. Man liest: „Blanchot’s novels are confusing, insofar as they appear to draw on Kafka’s repertoire to depict a world that conflicts with it.“ (S. 117). Wichtiger: „Soon, in the postwar period, Leiris, Bataille, and Blanchot would collectively proffer a reading that would aim to redeem Kafkla from the existentialist monopoly.” (S. 117) Im Weiteren werden die Kafka-Lektüren von Sartre und Blanchot noch genauer ausgeleuchtet.
Es gab in Frankreich allerdings auch Infragestellungen der Relevanz des Autors Kafka. So erschien 1946 im offiziellen Periodikum der Französischen Kommunistischen Partei Pierre Faucherys Aufsatz „Faut-il brûler Kafka?“, also: „Soll man Kafka verbrennen?“ Darin finden sich im Grunde die Argumente der Kommunisten gegen Kafka, die 1963 auch die Kafka-Konferenz in Liblice bei Prag prägen sollten, allesamt vorweggenommen: Kafka als bourgeoiser, dekadenter Autor ohne jegliches Klassen-Bewusstsein, der Marxisten nichts mehr zu sagen hat.
Anschließend wird die Kafka-Rezeption Georges Batailles referiert. Weitere konzise Ausführungen gelten der Theater-Aufführung von Kafkas Process nach einer dramatischen Adaptation von André Gide, in der Regie von Jean-Louis Barrault. Die Annäherung von Roland Barthes an Kafka resümiert Hamilton mit Barthes‘ Vorwurf, dass „however brilliantly accomplished their interpretations may be, Brod and the majority of French interpreters reduce Kafka’s texts to a repertoire of themes rather than study it as a corpus of writing, as écriture.“ (S. 144) Dabei habe sich Barthes bewusst auch nicht zwischen einer politischen und unpolitischen Lektüre der Kafkaschen Texte entschieden. Im Fortgang der Rezeption sei Kafka ein „model, explicitly or implicitly, but certainly not exclusively, for new writerly techniques [geworden]— not only the nouveaux romans of Alain Robbe-Grillet, Nathalie Sarraute, Marguerite Duras, Claude Simon, and others, but also the generative experiments conducted by members of the OuLiPo: Georges Perec, Italo Calvino, and Jacques Roubaud, to name the most well-known.“ (S. 150)
Offenbar weiß Hamilton um die faktische Unzulänglichkeit der Kafka-Studie von Gilles Deleuze und Félix Guattari, auch wenn er sich weigert, über diesen so einflussreichen Text den Stab zu brechen. Doch handelt er ihn eher kurz – mit deutlich kritischen Untertönen – ab. Zur Kafka-Rezeption von Hélène Cixous heißt es: „Sarte and Camus read Kafka to incite responsibility, while Cixous investigates Kafka to stimulate intertextual responsiveness.” (S. 158). Mit der Darstellung von „Derrida’s Pharmacy“ (S. 164ff.) gerät Hamiltons Studie an ihre Grenzen. Auf gerade mal vier Seiten – mit einem als Fazit des ganzen Buches integrierten Ende – kann man Jacques Derridas Auseinandersetzung mit Kafka nicht gerecht werden, was allerdings auch daran liegt, dass man Derridas Dekonstruktion nun einmal nicht resümieren kann. Für ein geduldiges Ausleuchten der Inanspruchnahme Kafkas durch Derrida war aber wohl in dieser Studie kein Platz mehr.
John T. Hamilton ist mit France/Kafka. An Author in Theory ein sicherlich origineller Blick auf Kafka und sein Werk gelungen. Indem er sich auf die französische Rezeption fokussiert, entgeht er der Notwendigkeit, eine eigene Interpretation der Texte vorzulegen. Dennoch wird durch die referierten Lektüren der vielen französischen Schriftsteller, Philosophen und Theoretiker der „Horizont“ Kafkas in all seiner Widersprüchlichkeit und Abgründigkeit sehr gut ausgeleuchtet. Nebenbei erfährt man dann auch noch so einiges über die französischen Kulturschaffenden und Intellektuellen seit dem frühen 20. Jahrhundert und ihre Netzwerke. Von allen Publikationen des Kafka-Jahres rangiert dieses Buch sicher in Sachen Originalität und Aussagekraft weit vorne.
John T. Hamilton: France/Kafka. An Author in Theory. New York et al.: Bloomsbury Academic, 2023, 184 S.



















