Es schreibt: Jiří Holý

(15. 5. 2026)

Die Tagebücher von Willy Mahler aus Theresienstadt

 

Die besonderen Bedingungen im Ghetto Theresienstadt führten dazu, dass unter den Häftlingen weitaus mehr Ego-Dokumente entstanden sind als in anderen Ghettos oder Konzentrationslagern. Dies gilt auch für Tagebuchaufzeichnungen. Viele davon sind bereits erschienen; den größten dokumentarischen Wert haben die Tagebucheinträge von Eva Mändl Roubíčková (ursprünglich in sudetendeutscher Kurzschrift verfasst, erstmals 1998 auf Englisch, 2007 auf Deutsch und 2009 auf Tschechisch erschienen), von Hana Knappová Bořkovcová (auf Tschechisch 2011) und von Egon Redlich (größtenteils auf Hebräisch, teilweise auf Tschechisch verfasst, erschienen auf Englisch 1992, auf Tschechisch 1995). Von den deutschen Texten ist Tatsachenbericht von Philipp Manes (2005) zu nennen.

 

Die Tagebücher von Willy Mahler (1909–1944) waren bereits bekannt, bevor sie im vergangenen Jahr unter der Herausgeberschaft von Tomáš Fedorovič in der Gedenkstätte Terezín [Památník Terezín] erschienen sind. Der Herausgeber der Redlich-Tagebücher, Miroslav Kryl, erwähnte sie bereits. Mahler wurde (unter dem Namen Mahnert) auch zur Hauptfigur im Theaterstück Sladký Theresienstadt aneb Vůdce daroval Židům město (1996) [Das süße Theresienstadt oder Der Führer schenkte den Juden eine Stadt] von Arnošt Goldflam. Goldflam studierte die in der Gedenkstätte Terezín aufbewahrten Manuskripte von Mahlers Tagebüchern und war fasziniert von der seltsamen Mischung aus Sentimentalität und egoistischem Pragmatismus, die darin zum Ausdruck kam. An einigen Stellen zitiert das Stück Mahler fast wörtlich. Im Stück wird Mahnert/Mahler jedoch mit einem anderen Theresienstadt-Häftling kontrastiert, Gerroldt (dem deutschen Schauspieler Kurt Gerron), der im Spätsommer 1944 auf Anweisung der Nazis den „Dokumentarfilm“ Theresienstadt drehte. Beide leben eigentlich in einer Illusion. Mahnert glaubte an die treue Liebe seiner arischen Geliebten Mařenka, Gerroldt wollte wiederum nicht sehen, dass er mit seinem Film, der das Leben im Ghetto verzerrt darstellte, der Lüge und dem Bösen diente.

 

Dank der sorgfältigen Editionsarbeit des renommierten Forschers Tomáš Fedorovič liegt nun Mahlers Originaltext vor. Es handelt sich zweifellos um das bedeutendste Ego-Dokument zu Theresienstadt. Dank seiner privilegierten Stellung (er war Blockleiter, sogenannter „grupáč“, und nahm an den regelmäßigen Besprechungen der Selbstverwaltungsfunktionäre teil) hielt Mahler nicht nur den Alltag im Ghetto aus der Perspektive eines Häftlings fest, sondern auch viele Ereignisse und Fakten, die den gewöhnlichen Internierten verborgen blieben. Dazu gehören Reden von Hausältesten, die Anzahl der Häftlinge und Toten, deren Nationalität, Transporte und deren Zusammensetzung sowie zahlreiche kulturelle Veranstaltungen. Er beschreibt die Vorbereitungen für den Besuch einer Delegation des Roten Kreuzes und den Verlauf dieses Besuchs, Gerrons Arbeit an dem Film und viel mehr. Er schreibt über die Preise für Mehl, Zigaretten und Margarine auf dem Schwarzmarkt in Theresienstadt. Im September 1943 verbrachte er die Nacht mit den Transportteilnehmern auf dem Hof der Pionierkaserne und wurde Zeuge, wie die Häftlinge in die Waggons stiegen. Viel häufiger als gewöhnliche Häftlinge durfte er das Café und kulturelle Veranstaltungen besuchen, insbesondere Konzerte, die er als Journalist und Musikkenner (sein Vater war ein Cousin des berühmten Gustav Mahler) einfühlsam beschrieb. Doch auch Mahler entging dem Transport nach Auschwitz während der großen Herbstdeportationen im Jahre 1944 nicht. In Auschwitz wurde er bei der Selektion zur Arbeit ausgewählt und in das Konzentrationslager Dachau geschickt, wo er starb.

 

 

 

Das einzige Tagebuch aus Theresienstadt, das hinsichtlich seines Informationsgehalts mit dem von Mahler vergleichbar ist, sind die Aufzeichnungen von „Gonda“ Redlich. Auch Redlich gehörte als Leiter der Jugendfürsorge und als Mitglied der Transportkommission zu den Spitzenvertretern der jüdischen Selbstverwaltung des Ghettos. Der Unterschied zwischen ihnen besteht nicht nur darin, dass Redlich ein überzeugter Zionist und Mahler ein tschechischer Jude war (beide Gruppen kämpften im Ghetto um Macht, eine dritte konkurrierende Gruppe bildeten die Kommunisten). Der wesentliche Unterschied bestand vor allem darin, dass Redlich seine Situation im Ghetto als ethisches Problem betrachtete und über seine Verantwortung nachdachte. Er versuchte, seine Vorteile nicht auf Kosten anderer auszunutzen, und war verzweifelt, wenn seine jugendlichen Schützlinge im Ghetto etwas stahlen. Mahler machte sich über ethische Probleme keine allzu großen Gedanken. Skrupellos schildert er seine Bemühungen, sich eine bessere Stellung zu verschaffen, und beschreibt oft mit Genugtuung seine Mittag- und Abendessen, die sich von der üblichen Verpflegung in Theresienstadt unterschieden, sowie die Vergnügungen, an denen er teilnahm. Im Frühjahr 1944 ließ er sich vom Wiener Maler Rewald ein Porträt anfertigen; zur gleichen Zeit kaufte er sich einen Hausmantel und ließ sich Hosen umnähen (als Honorar gab er Brot und Brühwürfel). Am provokantesten – im Vergleich zur traditionellen Vorstellung von Häftlingen in nationalsozialistischen Lagern – sind seine Aufzeichnungen über Liebesbeziehungen mit verschiedenen Frauen. Dabei handelt es sich nicht um eine offene Schilderung sexueller Praktiken wie etwa in Máchas Tagebuch. Mahler ist auch hier, wie oft anderswo, eher sentimental und schreibt in einem etwas saloppen journalistischen Stil: „Marta hat mich mit ihren Lastern gefesselt, und ich glaube, mein Verkehr mit ihr war so etwas wie ein Ausdruck männlicher Leidenschaft. – Und schließlich gibt es noch Trude, deren Hingabe rein sexuell ist, sie bereitet mir viel Wonne und lässt mich die Tage hier vergessen. – Sie überschüttet mich mit ihren Küssen, erinnert in dieser Hinsicht ein wenig an Mařenka [Mahlers „arische“ Geliebte aus der Zeit vor Theresienstadt] in ihrem Bestreben, mich sexuell zu beherrschen.“ (2. 9. 1943, S. 183)

 

Das sind zweifellos unmoralische Haltungen. Dahinter verbirgt sich jedoch noch etwas anderes. Pragmatisches Verhalten war für die meisten Häftlinge in Theresienstadt charakteristisch. Und Erotik war in Extremsituationen, wie wir auch aus vielen anderen Zeugenaussagen wissen, oft der einzige Raum persönlicher Freiheit und Flucht aus der bedrückenden Umgebung von Hunger, mangelnder Hygiene und Privatsphäre, Epidemien und der Angst vor Transporten in den Osten. So gesteht beispielsweise Vlasta Schönová in ihren Erinnerungen, dass sie die Geliebte des um viele Jahre älteren Benjamin Murmelstein wurde, der eine führende Position in der Selbstverwaltung des Ghettos innehatte. Hana Knappová Bořkovcová schreibt nur wenige Tage vor der zitierten Aufzeichnung Mahlers: „Und die Liebenden lieben sich. Es ist ihre einzige Unterhaltung. Die einzige Möglichkeit, sich die Zeit zu vertreiben. Die einzige Liebe, in der der Körper leben darf. Auch der hungrige Körper. Auch der zerstochene Körper. Auch der Schmutz.“

 

In der Einleitung zu dieser Ausgabe beschreibt Tomáš Fedorovič sehr treffend die Einzigartigkeit von Mahlers Tagebuch. Das Buch enthält ausführliche Anmerkungen, ein Namensverzeichnis und einen Bildanhang. Es ist gut, dass es nicht von einem kommerziellen Verlag herausgegeben wurde, der sicherlich versucht hätte, daraus eine „Sensation“ zu machen.

 

 

Willy Mahler: Terezínský deník 1942–1944. Uspořádal, úvodním slovem a poznámkami opatřil Tomáš Fedorovič. Terezín: Památník Terezín, 2024. 478 S.


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